Die Story im Ersten „Europas dreckige Ernte“ – ein kritischer Kommentar

1. August 2018|Presse, Stellungnahmen, Videos

Dreh- und Recherchearbeiten mit der ARD

Im vergangenen Monat fand unser Arbeitsschwerpunkt, das Plastikmeer von Almería, ein beachtliches Medienecho. Am 9. Juli wurde die ARD-Reportage „Europas dreckige Ernte“ im Ersten ausgestrahlt. Das Sendeformat „Die Story im Ersten“ ist mit 45 min das längste Format der ARD für Investigativjournalismus. Im September 2017 begleiteten wir die beiden Journalist*innen Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann während ihrer Dreh- und Recherchearbeiten. Über einen intensiven Zeitraum von acht Tagen hinweg, stellten wir mit Hilfe unserer Genoss*innen der Gewerkschaft SOC-SAT Almería Kontakt zu den wichtigsten Akteuren der Gemüsebranche des Plastikmeers her. Wir führten Interviews mit einer Vielzahl von Arbeiter*innen, deren Rechte verletzt werden, Kleinbäuer*innen, die sich einen enormen Preisdruck ausgesetzt sehen, Vertreter*innen eines Establishments bestehend aus Politiker*innen und Unternehmer*innen, die systematische Arbeitsrechtsverletzungen als Einzelfälle bagatellisieren und verfolgten die Spuren des spanischen Gemüses in die deutschen Supermarktregale. Auch über die acht Tage hinaus blieben wir im regelmäßigen Kontakt mit dem Journalistenduo. Wir informierten sie über aktuelle Entwicklungen und Arbeitskämpfe, die in den Betrieben geführt wurden, die in der Reportage porträtiert werden. Je mehr Energie unsererseits in die Zuarbeit für die Reportage floss, desto gespannter waren wir auf das Ergebniss.

Positive Aspekte der Reportage

Am 9. Juli luden wir zum Live-Streaming zu uns ins Büro ein. Etwa 25 Interbrigadist*innen und Sympathisant*innen schauten sich die Erstausstrahlung bei uns an und diskutierten im Anschluss lebhaft über die Reportage. Insgesamt überwog ein positives Fazit. Der Umstand, dass die Problematik der gravierenden Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in der europäischen Gemüseindustrie relativ umfassend, ausführlich und vielfältig dargestellt wurde, fand bei uns Zuspruch. Nicht nur jenseits der EU-Grenzen, werden Arbeitnehmer*innenrechte von der Agrarindustrie mit Füßen getreten, sondern auch in der gesamten europäischen Peripherie. Insbesondere die Bilder der informellen slumartigen Siedlungen für Migrantinnen und Migranten (in Spanien „chabolas“ in Italien „ghettos“) vergegenwärtigen den Zuschauer diese Zustände. Eine weitere Stärke der Reportage liegt in der komplexen Darstellung der Problematik. Es werden keine einfachen Schuldzuweisungen getroffen. Sowie spanische und italienische Klein- und Großproduzent*innen sind Zahnräder in einem perfiden Wettbewerbssystem. Vier Supermarktkonzerne kontrollieren den deutschen Markt und ihr Wettbewerb untereinander drückt die Preise für die Produzent*innen in Südeuropa. Dieser Druck wird knallhart weiter gegeben an die Landarbeiter*innen mit Migrationshintergrund, das schwächste Glied in der Kette. Die Politik ist angesichts dieser Zustände ohnmächtig, sowie auf regionaler als auch auf überregionaler Ebene. Betriebe in denen es zu gut dokumentierten Arbeitsrechtsverletzungen kommt, kassieren zusätzlich zum Lohndumping noch EU-Subventionen in Millionenhöhe. Eben dieses unmenschliche System wird von den beiden ARD-Journalisten anschaulich gemacht.

Unsere Kritikpunkte

Unsere Kritik an der Reportage bezieht sich vor allem auf die uns viel zu kurz gedachten Lösungsvorschläge, die in 45 min Sendezeit nur angeschnitten werden. Es gibt zwei Lösungsansätze, die ins Spiel gebracht werden: 1.) Die EU muss handeln, da Millionen von EU-Subventionen in die Landwirtschaft gepumpt werden und 2.) Lang lebe der Gemüsepatriotismus! – Wir sollen doch gar ganz auf den Konsum von Gemüse aus Spanien und Italien verzichten. Sicherlich liegt eines der Probleme in den mangelnden unabhängigen Kontrollen der Arbeitsbedingungen vor Ort. Für circa 35.000 ha Anbaufläche um Almería sind nicht mehr als ein Dutzend Arbeitsinspekteure zuständig. Die privaten Kontrollsiegel wie Global Gap und Grasp, die u.a. die Einhaltung von Arbeitsrechtsstandards festschreiben, werden von den Betrieben selbst finanziert und haben nur in den seltensten Fällen überhaupt einen direkten Kontakt zu den Belegschaften der Betriebe. Es reicht jedoch nicht nur nach einer technokratischen Lösung aus Brüssel zu schreien.

Gewerkschaftliche Organisierung als Perspektive

Diejenigen Organisationen, die einen dauerhaften Kontakt zu den Beschäftigten vor Ort haben sind Gewerkschaften und eine Reihe von NGOs. Wenn sich marginalisierte, eingeschüchterte Arbeiter*innen überhaupt trauen ihre eigenen Arbeitsbedingungen anzuklagen, dann sind es in der Regel die Gewerkschaften und NGOs, die Rechtsberatungen anbieten, die zuerst aufgesucht werden, wenn es zu Problemen kommt. Gewerkschaften wie die SOC-SAT in Südspanien oder die USB in Italien sind jedoch in der Regel hoffnungslos unterbesetzt. Sie schaffen es nicht ansatzweise, den Bedarf an gewerkschaftlichem Engagement gerecht zu werden. Migrantinnen und Migranten ohne eine europäische Staatsbürgerschaft mit einem Monatseinkommen, das zwischen 200 und 1200 Euro schwankt, sind eben nicht das attraktivste Klientel für große etablierte Gewerkschaften, wie uns unsere Erfahrung aus Südspanien lehrt. Jedoch sind es genau diese Migrant*innen, die gewerkschaftliche Organisationsstrukturen und -erfahrungen am bittersten nötig hätten. Viele Migrant*innen, egal ob sie sich erst 2 Monate oder schon 12 Jahre in Europa befinden, waren in ihrem Leben noch nie zivilgesellschaftlich oder politisch organisiert. Es herrscht eine Kultur der Angst, Apathie und Hoffnungslosigkeit. Migrant*innen fürchten permanent um ihre Arbeitsplätze, um ihren Aufenthaltstitel und somit um ihre ganze Existenz, die sie sich versuchen in Europa zu erarbeiten. Eben dieser Umstand macht sie besonders verwundbar für Ausbeutung und genau deshalb sind Organisationen wichtig, die versuchen Landarbeiterinnen und Landarbeitern aus dem Ausland politisches Selbstbewusstsein zu vermitteln. Eigene Organisationserfahrungen sind essentiell. Erfolgreich geführte Arbeitskämpfe sind unserer Auffassung nach der nachhaltigste Weg Ausbeutungsstrukturen zu bekämpfen und ohne selbstbewusste Beschäftigte ist es auch für Inspekteure extrem schwierig Missstände aufzudecken.

Der Arbeitskampf bei Eurosol zeigt wie es anders gehen könnte

Auch unsere Arbeit und die der Gewerkschaft SOC-SAT werden in der ARD-Reportage gezeigt. Wir werden als eine Gruppe Berliner Aktivist*innen dargestellt, die direkt vor den Betriebstoren eines Unternehmens protestiert, in dem ein Arbeitskampf tobt. Das Unternehmen namens Eurosol diskriminierte systematisch circa 40 Arbeiter*innen, die sich gewerkschaftlich engagierten. Der Arbeitskampf begann im September 2017 und endete Anfang April 2018 mit einem überraschenden umfangreichen Zugeständnis der Unternehmensleitung bezüglich aller Forderungen der Beschäftigten. (Mehr Infos zum Verlauf und Ergebnis des Arbeitskampfes findet ihr hier). Diese Neuigkeiten berichteten wir natürlich auch dem Journalistenteam der ARD. Es war uns wichtig, dass eben dieser Erfolg gezeigt wird. Leider wurden wir in diesem Punkt enttäuscht. In der Reportage wurde so getan, als wenn die Missstände bei Eurosol weiter fortbestehen würden. Insgesamt überwiegt ein fatalistischer Blick auf die Gesamtsituation, die den Zuschauer dazu verdammt passiv auf seinem Sofa sitzen zu bleiben und sich über die EU und die Welt zu ärgern. Die aktivistische Perspektive zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen wird zwar mit uns eröffnet aber leider nicht zu Ende gedacht.

Gegen den modernen Ablasshandel an der Supermarktkasse

Der zweite Lösungsansatz, der auch nur kurz in einem Nebensatz erwähnt wird, bezieht sich auf die Kosumentenmacht in den Abnahmeländern wie Deutschland. Am besten wären wir damit beholfen komplett auf den Konsum von Gemüse aus Spanien oder Italien zu verzichten. Regionaler Konsum oder Fairtrade seien die einzige Möglichkeit sich der Mittäterschaft in der modernen Sklaverei zu entziehen. Dieser gemüsepatriotische Ansatz ist uns zu kurz gedacht. Das Konsumenten sich im Stile eines modernen Ablasshandels ein reines Gewissen egal ob durch Bio-, durch regionalen oder durch Fairtradekonsum erkaufen können, halten wir für apolitisch (Hierzu empfehlen wir die Lektüre von Katrin Hartmann „Die grüne Lüge“). Uns geht es darum sich aktiv und kritisch mit den komplexen politischen Strukturen auseinanderzusetzen und selbst aktiv zu werden. Nicht alles was wir konsumieren kann vor unserer Haustür produziert werden. Obwohl Tomaten aus Holland uns geografisch näher gelegen sind, haben sie durch Gewächshausheizsysteme eine schlechtere Klimabilanz im Vergleich zu den Tomaten aus Almería (Hierzu empfehlen wir von Annemieke Hendriks das Buch „Tomaten“). Auch für die migrantischen Landarbeiter*innen löst ein Boykott von Gemüse aus dem Ausland nichts, im Gegenteil es entzieht ihnen die Existenzgrundlage. Eine große Anzahl von Migrantinnen und Migranten verdient in Spanien und in Italien ein Vielfaches von dem was sie in ihren Heimatländer verdienen würden. All diese Umstände veranschaulichen, dass einfache Konsumentscheidungen nicht viel bewirken können. Sicher gibt es Produkte, dessen Konsum sinnvoll ist, wie z.B. solidarisches Olivenöl aus Griechenland, Gemüsekisten aus Erzeugergemeinschaften etc.. Sinnvoll wird dieser Konsum jedoch erst dann, wenn diejenigen, die davon profitieren ihren Blick auf das große Ganze richten, denn ohne eine allgemeinere Kritik an den globalen Produktionsverhältnissen verpufft unserer Auffassung nach die Wirkmächtigkeit einer jeden Alternative. Die Kunst besteht darin den lokalen Aktivismus mit globalen Themen zu verknüpfen.

Das Große und Ganze sehen: Für mehr internationalistischen Aktivismus

Besondere Relevanz für diesen internationalistischen Anspruch an politischen Aktivismus, lässt sich aus der Frage herleiten, die sich mit den Ursachen für Flucht und Migration beschäftigen. Überschussexporte aus der hochsubventionierten europäischen Landwirtschaft zerstören nach wie vor heimische Märkte auf dem afrikanischen Kontinent und somit kleinbäuerliche Strukturen. Eben diese ehemaligen Kleinbauern migrieren und schuften dann für einen Hungerlohn auf bspw. italienischen Tomatenplantagen (Siehe Artikel in der Zeit: Wie Tomaten aus der EU afrikanische Bauern zu Flüchtlingen machen). Unsere Mitverantwortung an den globalen Produkutionsbedingungen ist also kaum zu übersehen (Zum Thema der Mitverantwortung an globalisierter Ausbeutung und Umweltzerstörung lohnt sich die Lektüre von „Imperiale Lebensweise“ von Maruks Wissen und Ulrich Brand und „Neben uns die Sinnflut“ von Stephan Lessenich) . Auch wenn die Reportage „Europas dreckige Ernte“ einen weiteren interessanten und wichtigen Einblick in die perfide Logik der globalen Agrarindustrie gibt, ihr mangelt es an inhaltlicher Tiefe und ihr fehlt ein Blick für politische Akteure, die den Kampf für eine gerechte solidarische Wirtschaftsform führen. Mündige Zuschauer*innen sollten dazu ermutigt werden selbst aktiv zu werden und dass nicht nur in der Kaufhalle sondern über die Ländergrenzen hinaus.

Falls ihr die Reportage „Europas dreckige Ernte“ noch nicht gesehen haben solltet, ihr findet sie hier.

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