Bericht Delegationsreise Februar 2026

10. Juli 2026|Berichte

Wie kam es zur Delegation und zu den Fight Fruit Logistica-Protesten überhaupt?
In den letzten Jahren haben wir uns bei Interbrigadas das Ziel gesetzt, die Organisierung der Arbeiter:innen entlang der Lieferkette zu stärken. Dafür braucht es nicht nur internationalistische Brigaden nach Almería, sondern auch die klare Verortung unserer Arbeit in Deutschland sowie die Stärkung der verbundenen Kämpfe entlang der Lebensmittellieferkette und der in Deutschland stattfindenden Arbeit. Die erste Delegationsreise fand im Sommer 2024 statt, bei der sieben Delegierte der SOC-SAT Gewerkschaft aus Almería und den Jornaleras de Huelva en Lucha für zehn Tage nach Berlin kamen, um unterschiedliche politische Gruppen, Landwirt:innen von solidarischen Landwirtschaften sowie Gewerkschafter:innen – darunter bei ver.di organisierte Arbeiter:innen aus dem Lebensmitteleinzelhandel – zu treffen und sich auszutauschen. Aufbauend darauf organisierten wir eine Bildungsreise im Spätsommer/Herbst 2025 mit diesen ver.di-Organsierten in Almería. Somit konnten die Beziehungen und der Austausch über die Arbeitskämpfe und die Arbeits- und Lebensbedingungen intensiviert werden. Da im Februar 2026 die jährlich weltgrößte Frucht- und Obstmesse Fruit Logistica in Berlin stattfand, sahen wir einen geeigneten Moment, um Delegierte erneut nach Berlin einzuladen. Gemeinsam mit aktiven Menschen aus der Landwirtschaft, die unterschiedliche Positionen und Perspektiven mitbrachten, protestierten wir gegen die bestehenden Verhältnisse der aktuellen Agrarproduktion und des Ernährungssystems vor dem Haupteingang der Messe und klagten diese am Tag danach im Rahmen eines People’s Tribunal an.

Gewerkschaftliche Organisierung
Ein Fokus der Delegationsreise war, die gewerkschaftliche Organisierung besser durch das Kennenlernen von Organisationen in ihren Strukturen, Analysen und politischen Forderungen, zu verstehen. Wir trafen uns mit der IKA – Initiative Kämpfender Arbeiter:innen, hatten ein Abendessen mit Beschäftigten, die sich bei ver.di organisieren sowie verschiedene Treffen zwischen Interbrigadas und SOC-SAT-Delegierten.
Dabei ging es vor allem um die Frage, wie wir mehr Demokratisierung in der gewerkschaftlichen Arbeit schaffen können: in unseren Strukturen, am Arbeitsplatz, aber auch in den Kooperationen, die wir führen.
Im Austausch mit der IKA wurde nochmals deutlich, dass es wichtig ist, die Arbeit der Genoss:innen zu kennen, um den Zugang zu den eigenen Strukturen zu bekommen und diese zu nutzen. Im Spezifischen sprachen wir über die gewerkschaftlichen Stunden, die als Strategie von Betriebsräten von SOC-SAT-Delegierten für gewerkschaftliche Arbeit genutzt werden können. Dabei wurde oft benannt, dass statt der individuellen Problemlösung und Beratung der Fokus auf der kollektiven Auseinandersetzung zur gewerkschaftlichen Organisierung liegen sollte. Politische, gewerkschaftliche Bildung wurde als Basis dafür genannt. Die Herausforderung den Fokus zu behalten zwischen dem brennenden Schnellen und der langfristigen Organisierung war eines der zentralen Themen. Für eine gute Organisierung braucht es das Vertrauen in die Compas, Raum zum Priorisieren zu schaffen und die Unterstützung über die eigene Struktur hinaus.

Öffentlichkeitsarbeit der politischen Arbeit
Als Interbrigadas verstehen wir radikale politische Bildungsarbeit als wichtigen Teil der internationalistischen Organisierung und unserer Verantwortung in Deutschland – dem ökonomischen Machtzentrum Europas. Während der Delegationsreise organisierten wir dafür ein Treffen mit den Journalist:innen Jonas S. und Helen S., die seit vielen Jahren intensive Recherchearbeit zu internationalen Firmenstrukturen, staatlichen Subventionen und prekären Arbeitsbedingungen im Agrarsektor in Europa machen. Mit den Delegierten der SOC-SAT und den Journalist:innen diskutierten wir dabei, wie gewerkschaftliche und journalistische Arbeit besser koordiniert werden kann. Durch das Herstellen von direkten Kontakten und dem Verständnis der unterschiedlichen Rollen (Aktivist:innen, Gewerkschaftsdelegierte von Betrieben und Journalist:innen) können Informationen besser aufgearbeitet, geteilt und genutzt werden, um Druck auf Unternehmen zu erhöhen und Arbeitskämpfe zu stärken.

Sektorale Verbindungen
Als Interbrigadas möchten wir die sektoralen Verbindungen der europäischen Landwirtschaft sichtbar machen, da wir alle dem aktuellen Agrarsystem unterliegen. Daher gilt es, die Kämpfe gegen diesen Sektor miteinander zu verbinden, zu vereinen und zu stärken. Die solidarische Landwirtschaft „Rote Beete“ aus Taucha (bei Leipzig) baut aus diesem Grund mit uns eine Widerstandskasse, die „caja de resistencia“, auf. Diese soll das Solidarische der Solawis internationalistisch erweitern. Die Widerstandskasse soll durch monatliche finanzielle Beiträge der Mitglieder der „Roten Beete” eine materielle Basis schaffen, um die Kämpfe der Gewerkschafter:innen der SOC-SAT kontinuierlich zu unterstützen. Ziel ist dabei nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch ein Austausch, bei dem sich die Beschäftigten der Solawi und der andalusischen Landwirtschaft über ihre Arbeitsbedingungen, alltäglichen Kämpfe, Ziele und Forderungen austauschen können. Umso schöner war es deshalb, als sich die Beschäftigten der „Roten Beete“ und die Delegierten aus Andalusien Anfang Februar in Berlin trafen, um sich kennenzulernen und genauer über die Widerstandskasse zu sprechen. Sowohl auf dem Protest gegen die Fruit Logistica als auch beim People’s Tribunal, bei dem verschiedene Beweise in Form von testimonials (deutsch: Erfahrungsberichte) verschiedener Akteur:innen aus der Landwirtschaft gesammelt wurden, darunter die der Personen der „Roten Beete“ und der Delegierten der SOC-SAT, wurde deutlich, dass die jeweiligen Perspektiven und Betroffenheiten dieses Ernährungs- und Agrarsystems miteinander verbunden sind und gemeinsam bewältigt werden müssen.

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