Die Brigade Gerda Taro – Gewerkschaftsarbeit im Plastikmeer von Almería

14. August 2016|Berichte, Brigaden

Nach unserem dreitägigen Aufenthalt in Granada haben wir uns in Richtung Almería auf den Weg gemacht. Die zwischen Mittelmeerküste und der Betischen Kordillere gelegene Region wird seit den 1990er Jahren durch intensivste Gemüseproduktion in Treibhäusern geprägt. Die Mehrheit der in der Landwirtschaft Beschäftigten haben Migrationserfahrungen, in den Gewächshäusern über 90%. Die meisten, ca. 80%, aus Marokko und viele weitere aus subsaharischen Staaten, Osteuropa und Lateinamerika. Etwa 25 % des in West- und Mitteleuropa konsumierten Gemüses und Obstes wird in dieser Region angebaut und der Markt wächst. Das bringt allerdings auch seine Schattenseiten mit sich. So gibt es grassierende einwanderungs- und arbeitsrechtliche Probleme, Ausschlüsse von Sozialleistungen, Rassismus durch die lokale Bevölkerung, Polizei und Behörden und Diskriminierungen wegen des Geschlechts, Betrug mit Bio-Zertifikaten, informelle Wohnsiedlungen, Gesundheitsrisiken durch industrielle Produktion und enorme ökologische Langzeitschädigungen.

So ging es für uns also aus der historischen Stadt Granada und dem gewerkschaftlichen Fokus auf Tourismus zur Landwirtschaft an den Grenzen Europas. Dort angekommen, wurden wir am 7. August herzlich in den Räumlichkeiten der SOC-SAT in Empfang genommen.

(Obwohl die Gewerkschaft seit 2007 nur noch SAT heißt, betonen die in landwirtschaftlichen Bereichen tätigen Gewerkschafter*innen ihre Herkunft durch Nennung der 1975 gegründeten Landarbeitergewerkschaft SOC in ihrem Namen.)

Lange gibt es die Gruppe der SOC noch nicht in Almería. Die regionale Gruppe entstand als Antwort auf die gravierenden rassistischen Pogrome Anfang Februar 2000 in El Ejido, einer Gemeinde im Umfeld Almerías. Eine Reihe von Aktivist*innen aus Gewerkschaften und Migrant*innenverbänden versuchte im Rahmen der CCOO (Comisiones Obreras – Arbeiterkommissionen – alte Mehrheitsgewerkschaft) gewerkschaftliche und zivilgesellschaftliche Arbeit für die Beschäftigen zu organisieren. Nach einigen radikaleren Aktionen, wie einem Streik und einer Einschließung kam es zum Bruch mit den CCOO. In diesem Moment offerierte die SOC sowie einige andere Akteure, unter anderem das Europäische Bürgerinnenforum und Longo Mai, Unterstützung zur Schaffung einer Gewerkschaftsgruppe der SOC in Almería. Sie besorgten ein Lokal, Autos und Geld für Anstellungen und schufen das Regionalbüro der Gewerkschaft. Während die großen spanischen Gewerkschaften wie die UGT (Unión general de trabajadores – Allgemeine Arbeiterunion) und die CCOO die migrantische Arbeitsbevölkerung auf dem Land kaum bis gar nicht vertreten, bemüht sich die SOC-SAT in Almería als einzige Organisation um die Arbeitssituation der Menschen hier, und darüber hinaus auch um Probleme aus deren Lebensumfeld.

Seit ihrer Entstehung in Almería versuchen die Gewerkschafter*innen unter widrigsten Umständen und großen persönlichen Aufopferungen den Landarbeiter*innen in den Gewächshäusern überhaupt gewerkschaftliche Perspektiven im Einzelfall anzubieten.

Sie beraten die zumeist befristet oder als Tagelöhner*innen Beschäftigten in arbeitsrechtlichen Angelegenheiten und bringen jährlich allein in Almería 200 Klagen vor Gerichte. Gleichzeitig machen sie auf rassistische Ausschlüsse aufmerksam und starten in diesen Wochen ein Programm zur Einbindung und Fortbildung von Frauen. Dies stellt eine Antwort darauf dar, dass ca. 90 % der in den Verarbeitungs- und Verpackungshallen Beschäftigten weiblich sind und auch hier eine gewerkschaftliche Vertretung fehlt.

Weiterhin beteiligen sich die Gewerkschafter*innen an zivilgesellschaftlichen Plattformen gegen Zwangsräumungen, Abschiebungen und anderweitige Problemlagen in der Region.

Für diese Arbeit verfügt die SOC-SAT über drei Lokale: in Almería selbst, in El Ejido und in San Isidro/Níjar. Während unserer Brigade lernten wir diese Orte kennen und verewigten unsere solidarische Unterstützung für die Arbeit der Gewerkschaft in Almería und Níjar in Form von Wandbildern.

Während unseres Besuches in Níjar besichtigten wir auch informelle Siedlungen von marokkanischen Landarbeitern, sogenannte Chabolas. Die Arbeiter erzählten uns von der

Nichteinhaltung des Mindestlohns, Unfällen während und auf dem Weg zur Arbeit, unzulässigen Verweigerungen der Wiederbeschäftigung und anderen Problemen mehr. In der Siedlung klinkt man sich illegal ins Stromnetz ein, beschafft sich das Wasser aus den Gewächshäusern und kann gerade einmal mit der Müllabholung durch den Staat rechnen. Auf privaten Grundstücken besteht stets Räumungsgefahr. Dort wo Eigentümer*innen die Arbeiter*innen dulden, geht es ihnen auch nicht besser und die staatliche Wohnraumversorgung ist in Spanien ohnehin auch unabhängig vom Aufenthaltsstatus absolut unzureichend.

In El Ejido bekamen wir hingegen ein anderes Bild zu sehen. Hier wurden wir durch das als einzigartig geltende Gewächshaus eines Genossen der Gewerkschaft geführt. Mit seiner Familie bewirtschaftet Matías etwas weniger als einen Hektar und pflanzt vollkommen ökologisch Obst und Gemüse an, betreibt Fruchtfolge, hält zehn Hühner und vier Ziegen und versucht sich von industriellen Marktzwängen (Pestizide, Saatgut, etc.) unabhängig zu machen. Das Gewächshaus ist von Unkraut umgeben, das den Boden feucht und die Schädlinge fern hält. Als wir das Grundstück betraten, hingen uns Weinreben ins Gesicht, Hunde liefen umher, hier wuchsen Tomaten, dort und da hinten Auberginen, hier etwas Paprika. Verkauft wird das, was Matías Familie nicht konsumiert in einer alternativen Bio-Kooperative. Mit seinem Projekt macht er für die anderen Kleinbauern in der Umgebung sichtbar, dass alternative Produktionsformen möglich sind. Kurz darauf führte uns ein anderer Gewerkschaftsgenosse in ein industrielles Treibhaus etwa der gleichen Größe. Hier fanden wir etliche schnurgerade Reihen von fast identisch aussehenden Pflanzen in beinahe sterilem Boden und ein beißender Geruch lag in der Luft – Hinten begann ein Arbeiter gerade ein Pestizid zu versprühen. Obwohl Matías einen höheren Preis pro Kilo erzielt und nebenbei subsistent und gesund lebt, bleibt sein Beispiel eins von vieren. Die Agroindustrie, die Investitionslandschaft und der Marktdruck haben dafür gesorgt, dass die meisten Kleinbauern mit geringer Rentabilität auf massenhafte Monokulturpflanzungen für den europäischen Discountermarkt setzen.

Zurückgekehrt von den Ausflügen ins Gewerkschaftslokal in Almería, verbrachten wir einen Großteil der Zeit damit uns mit den Gewerkschafter*innen über ihre und unsere Erfahrungen und mögliche Kooperationsprojekte in der Zukunft auszutauschen. Die nächsten Tage hier in Spanien und die kommenden Wochen zurück in Deutschland werden dann der Reflexion dieser Zeit und der Festlegung auf neue Kooperationsprojekte mit der SOC-SAT gewidmet sein. Jetzt geht es weiter auf die besetzte Finca Somonte.

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