Bericht der Kubabrigade “Assata Shakur” (Oktober, 2025)

11. Januar 2026|Allgemein

Im Zeitraum vom 10. bis 28. Oktober 2025 fand unsere internationale Kubabrigade „Assata Shakur“ statt. Der diesjährige Austausch basierte weiterhin auf unserer Zusammenarbeit mit dem Projekt „Ventana al Valle“ in Viñales, mit dem wir seit 2018 eng verbunden sind.

Ziel der Brigade war es, gemeinsam mit den lokalen Projektpartner*innen Infrastrukturarbeiten und kulturelle Aktivitäten umzusetzen sowie ein tieferes Verständnis für die gesellschaftliche Lage zu entwickeln.

Ziele

Die Wahl der Aufgaben erfolgte nach gemeinsamer Überlegung und im Bewusstsein der besonderen ökonomischen Lage, mit der Kuba derzeit konfrontiert ist. Der Austausch fand vor dem Hintergrund hoher Inflation, teurer Versorgungsmöglichkeiten und einer Energie- und Infrastrukturkrise statt.

Vor Reiseantritt haben wir uns drei übergeordnete Ziele vorgenommen:

  1. Stärkung der Infrastruktur: Renovierung und Verbesserung der Aufenthalts- und Sporträume sowie der kulturellen Angebote durch gezielte Bau- und Renovierungsmaßnahmen.
  2. Förderung von Austausch und Gemeinschaft durch Workshops, Kulturveranstaltungen und gemeinsame Aktivitäten.
  3. Kritisch-solidarische Reflexion: ein besseres Verständnis der aktuellen Situation in Kuba sowie eine Auseinandersetzung mit unserer eigenen Rolle und Solidarität.

Tätigkeiten

Im Verlauf der Brigade wurden zahlreiche Bau-, Renovierungs- und Begegnungsaktivitäten umgesetzt. Bei der Ankunft haben wir erstmal die mitgebrachten Spenden an das Projekt übergeben. Es wurden organisatorische Arbeiten, wie die Besorgung von Arbeitsmaterialien und allgemeine Gartenarbeiten durchgeführt sowie einen Überblick über die Tätigkeiten in Form eines Plans geschaffen.

Bautätigkeiten

In der Sportanlage des Projekts wurden vorhandene Geräte abgeschliffen, geschweißt, Sitze zugesägt und mit Kunstleder neu bezogen. Die Geräte waren teilweise verrostet oder beschädigt. Wir haben uns vorgenommen, die Geräte sicher, funktional und ästhetisch aufzubereiten. Die Arbeit erfolgte in Teamarbeit mit lokalen Handwerker*innen, die wir mit Materialien und Arbeitskraft unterstützten.

Außerdem wurde der Fußboden im Fitnessraum erweitert, indem ein Weg aufgeschüttet und darauf eine neue Bodenplatte gegossen wurde. Dadurch wurde der Fitnessbereich vergrößert und ein stabiler, nutzbarer Raum für Kraft- und Bewegungsangebote geschaffen. Das Fitnessstudio ist derzeit einer der wichtigsten Räume des Projekts, da es die Austauschdynamik mit der Gemeinde aufrechterhält. Es ist nicht nur ein Ort für körperliches oder individuelles Training, sondern auch ein Raum für informellen Austausch, Diskussionen und gemeinschaftliche Organisation. Daher war seine Renovierung ein essenzieller Bestandteil unserer Arbeit vor Ort

Darüber hinaus wurde auf dem Gelände eine große Rasenfläche ausgelegt, um einen Ort der Entspannung zu schaffen. Dafür wurde ein Gefälle angelegt, damit sich bei Regen kein Wasser staut — angesichts häufiger Niederschläge und temporärer Staunässe ein wichtiger Schritt zur besseren Nutzbarkeit des Außenbereichs. Sitzbänke wurden gebaut, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Hier sollen zukünftig unter anderem Yoga-Workshops und Seniorensport stattfinden.

Außerdem wurden 40 cm große Fliesen zugeschnitten und als Fußleisten in der Unterkunft sowie rund um die Bühne angebracht. Dies trug nicht nur zur ästhetischen Aufwertung bei, sondern auch zur Haltbarkeit und Sauberkeit der Räume. In der Audio-Kabine wurden Wände verputzt, der Strom verlegt und Steckdosen installiert – eine zentrale Infrastruktur für künftige Kultur- und Veranstaltungsaktivitäten. Die Herausforderung bestand darin, unter erschwerten Bedingungen mit unzuverlässiger Strom- und Materialversorgung zu arbeiten. Zum Schluss wurde eine Grube gegraben und mit einem Gulli verschlossen. Ziel war es, Wasser in der Regenzeit effizient abzuleiten und Staunässe auf dem Grundstück zu verhindern. Diese Maßnahme trägt langfristig zum Erhalt und zur Sicherheit des Geländes bei.

Aktivitäten & kultureller Austausch

Yoga-Ausflug zum „Mural de la Prehistoria“

Lokale Teilnehmer*innen des Projektes haben seit einem Jahr eine Yogagruppe ins Leben gerufen. Durch ihre Initiative unternahmen wir einen Yoga-Ausflug zum „Mural de la Prehistoria“. Hier konnten körperliche Bewegung und Austausch verbunden werden, zwischen Brigadistinnen und lokalen Bewohnerinnen.

Kaffeeproduktion und Ausflüge

Unsere Gruppe erntete während des Brigadezeitraums Kaffee auf dem Projektgrundstück und verarbeitete ihn, vom Gären, Entschalen, Rösten bis hin zur Mahlung. Eine Exkursion führte uns  zudem zu einer Tabakanbau-Finca, um den Prozess von Anbau über Ernte bis Weiterverarbeitung kennenzulernen und den kubanischen Exportschlager Zigarre auch selber zu verkosten.

Noche de Barrio (Viertelfest)

Wir unterstützen das Projekt bei der Organisierung eines von ihnen veranstalteten traditionellen Festes, der sogenannte „Noche de Barrio“ (Nacht im Viertel). Die lokale Salsa-Band „Valle Son“ trat auf, es wurde ein Theaterstück von Kulturhaus gezeigt, und die Nachbarschaft kam zusammen. Die Brigadistinnen erhielten einen Einblick in die berühmte kubanische Kultur des Dominos,  des auf Kohle gegrillten Schweins und tanzten Salsa sowie die neusten Schrittkreationen der Reparto-Musik.

Workshops

Ein zentraler Bestandteil der Brigadearbeit war die Organisation verschiedener Workshops in Zusammenarbeit mit kubanischen Partnerinnen. Gemeinsam wurden sportliche und praktische Kurse angeboten. Dazu gehörten Box-Workshops, die sowohl Grundtechniken als auch Trainingseinheiten umfassten, sowie ein Salsa-Kurs, der zusammen mit einem lokalen Tanzlehrer durchgeführt wurde. Ergänzt wurde das Programm durch Angebote für ältere Teilnehmende im Bereich Seniorensport, Yoga-Unterricht und durch Zumba-Kurse. Im neu gestalteten Fitnessraum fand regelmäßig Krafttraining statt, das von beiden Seiten – Brigadistinnen und Anwohner*innen – genutzt wurde. Darüber hinaus leitete ein Brigadist einen Baumschnittkurs, der die Grundlage des Obstbaumschnitts vermittelte.

Interne Bildungsarbeit und Alltagserfahrungen

Auch innerhalb der Brigade fanden regelmäßige Bildungsformate statt. Mehrere Brigadistinnen organisierten Spanischkurse, um die Kommunikation im Alltag zu erleichtern und das Verständnis für sprachliche Nuancen zu vertiefen. Die erlernten Kenntnisse wurden anschließend im direkten Austausch mit den Menschen vor Ort angewendet – etwa bei gemeinsamen Arbeiten, Einkäufen oder Gesprächen mit Nachbarinnen.

Darüber hinaus gab es interne Vorträge und Diskussionsrunden zur Geschichte Kubas, die von der vorkolonialen Zeit bis in die Gegenwart reichten. Diese Einheiten halfen, historische und politische Zusammenhänge besser einzuordnen und die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen im Land differenzierter zu verstehen.

Reflexion & Analyse

Stromsituation

Im Zuge unserer Arbeit vor Ort sind uns mehrere zentrale Aspekte besonders deutlich geworden. Die bereits erwähnten Stromsperren stellen eine erhebliche Belastung dar und prägen Infrastruktur und Alltag gleichermaßen. Laut Cuba heute (Link) kam das Erzeugungsdefizit im März 2024 auf rund 1.416 Megawatt – diese Situation führte in manchen Gebieten zu täglichen Stromabschaltungen von bis zu 18 Stunden. Diese Rahmenbedingungen beeinflussten unsere Arbeit spürbar: Materialbeschaffung, Strom- oder Wasserzugang waren nicht immer verlässlich, wodurch Flexibilität und Improvisation notwendig wurden.

Inflation

Die Inflation, Versorgungslücken und das instabile Preisgefüge prägen weiterhin den Alltag der Menschen. Während unseres Aufenthalts fiel besonders die starke Instabilität des kubanischen Pesos auf. Der informelle Wechselkurs schwankte innerhalb weniger Tage um mehrere Pesos. Als wir ankamen, lag der Kurs bei etwa 500 Pesos pro Euro, gegen Ende der Brigade bereits bei 550 Pesos. Solche Schwankungen sind in Kuba inzwischen alltäglich. Zwar hat sich die Versorgung im Vergleich zu den letzten Jahren spürbar verbessert – viele Produkte sind wieder erhältlich, und auf den privaten Märkten, die mittlerweile offiziell Teil der kleinen Wirtschaft sind, findet man fast alles. Dennoch sind die Preise oft sehr hoch und liegen teilweise auf europäischem Niveau. Für viele Kubaner*innen sind diese Angebote daher kaum zugänglich. Sie bleiben vor allem jenen vorbehalten, die Unterstützung von Angehörigen im Ausland erhalten oder in gut laufenden privaten oder staatlichen Betrieben arbeiten. Für den Großteil der Bevölkerung bleibt die Grundversorgung damit weiterhin eine tägliche Herausforderung.

Alltag

Auch der Alltag im Projekt war von den strukturellen Schwierigkeiten geprägt, die viele Kubaner*innen erleben. Kochen, Wäschewaschen und Wasserholen mussten häufig improvisiert werden, da Strom und Wasser nicht durchgängig verfügbar waren. Phasenweise fiel das Wasser für mehrere Tage aus, wodurch selbst einfache Routinen zur Herausforderung wurden. Das Kochen musste mit Kohle erfolgen, was die Aufgabe sehr langsam und anstrengend machte. Diese Erfahrungen machten deutlich, wie stark das tägliche Leben durch infrastrukturelle Engpässe, bei genauerer Analyse durch Weltpolitik, bestimmt ist.

Politscher Austausch/Diskussionen

In den Wochen unseres Aufenthalts wurde deutlich, dass politische Diskussionen in Kuba derzeit nur schwer stattfinden. Das Land befindet sich, besonders unter der jungen Bevölkerung, in einer ideologischen Krise. Viele Menschen sind durch die wirtschaftliche Situation und den täglichen Überlebensdruck stark belastet – Stromausfälle, hohe Preise und ein unberechenbarer Alltag lassen wenig Raum und Energie für politische Auseinandersetzung. Aus unserer Erfahrung vor Ort war spürbar, dass politische Gespräche oft vermieden werden, weniger aus Desinteresse oder Angst, sondern aus Erschöpfung.

Als Brigadistinnen wollten wir diesen Druck, über Politik sprechen zu müssen, nicht zusätzlich erzeugen. Uns war bewusst, dass unsere Arbeit selbst bereits politisch war: Das gemeinsame Renovieren, Gestalten und Organisieren von Räumen, die von den Menschen vor Ort weiter genutzt werden, ist ein Akt solidarischer Praxis. Auch ohne offene politische Debatten entstand dadurch ein gemeinsames Handeln, das auf Selbstbestimmung und Gemeinschaft zielt. Wir verstanden schnell, dass ein direkter ideologischer Austausch – etwa über Sozialismus oder gesellschaftliche Modelle – unter den aktuellen Bedingungen schwer möglich ist. Es wäre unangebracht gewesen, von außen zu kommen und diese Diskussion einzufordern, während viele Kubanerinnen mit existenziellen Problemen beschäftigt sind. Besonders in Gesprächen mit jungen Menschen zeigte sich nach wie vor, dass viele vor allem einen Weg suchen, das Land zu verlassen, um anderswo ein stabiles Leben aufzubauen.

Die Kurse, Ausflüge und Veranstaltungen waren nicht „nur Freizeit“, sondern Orte des Lernens und der Beziehung. Beispielsweise wurde die „Noche de Barrio“  als kulturverbindendes Element genutzt – Musik, Theater, Nachbarschaft. Dieses Teilen zeigt, dass internationale Solidarität nicht nur durch Materielles funktioniert, sondern durch Beziehung, Respekt und gemeinsames Erleben.

Perspektiven

Für die Zukunft sehen wir mehrere Schwerpunkte, die aus den Erfahrungen der vergangenen Brigade hervorgegangen sind. Zunächst haben wir gemeinsam mit den Mitgliedern des Projekts entschieden, dass die Schaffung einer eigenen Energieversorgung der wichtigste nächste Schritt ist. Der Mangel an stabilem Strom hat sich während unseres Aufenthalts deutlich gezeigt – viele Aktivitäten, besonders im Bildungsbereich, konnten nur eingeschränkt stattfinden. Eine Besserung der Lage ist kurz- bis mittelfristig eher nicht in Sicht, da die Zunahme des Druckes der USA auf Venezuela und andere Länder, die mit Kuba Handel treiben weiter wächst und in den letzen Wochen Öltanker, die nach Kuba gehen sollten von den USA völkerrechtswidrig beschlagnahmt wurden. Eine Solaranlage auf dem Projektgelände würde daher nicht nur den Betrieb unabhängiger machen, sondern auch die Grundlage schaffen, um regelmäßige Angebote für die Gemeinde zu organisieren. Deshalb planen wir als nächstes großes Vorhaben, Solarpanels zu kaufen und zu installieren. Wir haben bereits durch Spenden die nötige Finanzierung dafür erhalten, was uns riesig freut! Die Installation und den Aufbau der Solaranlage ist in den kommenden Monaten geplant.

Zudem ist bereits die nächste Brigade für Oktober diesen Jahres in Planung, die ein weiteres Bauziel erreichen soll. Um eine wirtschaftliche Selbstständigkeit des Projektes zu schaffen, entstand aus gemeinsamen Überlegungen, ein Café zu eröffnen. Damit könnte das Projekt Arbeitsplätze für die aktiven Projektmietglieder im Viertel schaffen sowie die Eigenfinanzierung des Projekts abzusichern.

Wir werden in den nächsten Wochen weiterhin Videoaufnahmen und kurze Dokumentationen auf Instagram veröffentlichen, um Einblicke in unsere Tätigkeiten zu geben.

Danke für eure Unterstützung!

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