Unsere freche Intervention auf der „Wir haben’s satt“-Demo

21. Januar 2018|Berichte, Stellungnahmen

Am 20.1.2018 waren wir auf der jährlichen Demonstration, die pünklich zum Beginn der Grünen Woche dazu aufrief „gegen die Agrarindustrie und für eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft, gesundes Essen, artgerechte Tierhaltung, globale Bauernrechte und gerechten Welthandel“ zu protestieren. Wir nutzen die Demonstration, um auf unsere Spendenkampagne für einen Gewerkschaftsbus in Andalusien aufmerksam zu machen, wollten jedoch auch mit einem Transparent auf unsere zwiespältige Haltung zum Thema Bio- und alternativem Konsum aufmerksam machen.

Enthalten, mitlatschen, oder kritisch Einmischen?

Im Keller unseres Büros wurden bis spät in die Nacht die Pinsel geschwungen.

Im Vorfeld hatten wir auf dem Plenum diskutiert, was wir auf einer Demonstration zu suchen haben, die von allen Bio-Supermarktketten und -labels mit Rang und Namen gesponsert wird. Doch ein paar unserer Partnerorganisationen, wie z.B. via campesina waren auch mit von der Partie. Einige von uns fanden letztendlich die kritische Einmischung besser als die Enthaltung, oder ein bloßes „mitlatschen“ bei der Demo und gestalteten bis zwei Uhr nachts noch gemeinsam ein Transparent und zauberten einen kessen Spruch auf den Stoff.

Ist Bio-Konsum ein moderner Ablasshandel?

Mit unserem Transpi-Spruch wollten wir also den Finger in die Wunde legen und provozieren. Ein bloßer Konsum alternativer Bio-Produkte ist aus unserer Sicht nur für zahlungskräftige Mitbürger ohne große Umstände machbar und somit auch ein Ausdruck sozialer Ungerechtigkeit. Für den meist doppelt so hohen Preis wird es scheinbar möglich, wieder mit gutem Gewissen einzukaufen,sich beim Einkauf wieder wohl fühlen zu können und obendrein seine Umwelt und den eigenen Körper vor den Folgen von Giften und Genmanipulation zu schützen.

Unser Transpi über der Menge am Hauptbahnhof. Die Demo soll 30000 Teilnehmer*innen gehabt haben.

Aber man bleibt unter sich und auf sich selbst bezogen – das „einfache Volk“ tummelt sich beim Netto um die Ecke, denn die Eintrittskarte in die heile Welt der Bio-Waren ist und bleibt der Geldbeutel. Die Verfasstheit der Gesellschaft und die Produktionsformen, die Arbeitsverhältnisse auch bei der Herstellung von Bio-Produkten, samt der erzeugten sozialen Kluft sind beim Bio-Konsum kaum Thema. Klar, denn damit würde er sich selbst unterwandern.

Die großen Unternehmen leben von einem Gefühl, dass sie bei unserem Einkauf erzeugen. Das Gefühl, das bessere zu tun und tatsächlich gibt es auch Gutes daran, „bio“ und „fair-trade“ einzukaufen. Aber es ist zumindest die Frage wert, ob die einzige Antwort auf die Probleme hinter dem Konsum sein kann, sich ein Einkaufsparadies alternativen Konsums aufzubauen, das in uns die Illusion erzeugt, wir könnten uns von allen weiteren gesellschaftlichen Verantwortungen freikaufen. Wir müssen weitreichender nachdenken und handeln, wenn wir die Widersprüche unserer Gesellschaft bearbeiten wollen.

Positive Reaktionen der Mit-Demonstrant*innen

Viele Menschen sprachen uns zunächst verunsichert, aber auch interessiert an auf unser Transpi an, doch wir erhielten sehr viel Zustimmung in den Diskussionen. So richtig fühlten wir uns also nicht, als würden wir gegen den Strom Schwimmen, aber dennoch hat es die/den ein oder andere*n auf dieser Demo mit grüner Wohlfühlatmosphäre ein wenig wachgerüttelt. Wir haben haben die Schlussfolgerung gezogen, dass die Intervention sinnvoll war und freuen uns auf weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema in der grünen Bewegung.

Eure Demo-Truppe von Interbrigadas

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