Tierra y Libertad – Dritter Brigadebericht der Brigade „Somos Naqaba“

27. September 2017|Berichte, Brigaden

Seit unserem letzten Bericht ist viel passiert in Almería und der Welt. Es herrscht Unruhe im Plastikmeer. Die Unzufriedenheit der Arbeiter*innen tritt zu Beginn der neuen Saison deutlich zutage und äußert sich in verschiedenen Arbeitskämpfen. Währenddessen versucht die spanische Zentralregierung mit Polizeistaatsmethoden die Abstimmung über die Unabhängigkeit in Katalonien zu verhindern und in Deutschland ziehen Rechtsextreme als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. Zeit für Widerstand.

 

Cerro Libertad
Am 17.September besuchten wir mal wieder unsere Genoss*innen vom Cerro Libertad und verbrachten einen Tag auf der besetzten Finca in der Nähe von Jaén. Gemeinsam mit den Besetzer*innen arbeiteten wir auf den Olivenfeldern, kochten, spielten Karten und besprachen Möglichkeiten für zukünftige Kooperationen. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen und wünschen weiter so viel Motivation, Geschlossenheit und Kampfgeist! La tierra es pa‘ quien la trabaja!

 

 

 

Acción Sindical
Nach unserer Rückkehr nach Almería konzentrierten wir uns voll auf die gewerkschaftliche Aktion. Gemeinsam mit dem Sprecher der SOC-SAT Almería machten wir uns jeden Tag der letzten Woche frühmorgens auf den Weg zu Betrieben, die massiv die Rechte von Arbeiter*innen verletzen, sei es durch Löhne unter dem Tarifvertrag, fehlende Arbeitsschutzmaßnahmen oder Beschimpfungen und willkürliche Behandlung im Arbeitsalltag. Die Idee hinter diesen Aktionen ist es, Arbeiter*innen durch das Verteilen von Informationsmaterialien über ihre Rechte zu informieren und die Gewerkschaft als Ansprechpartnerin für Arbeitskonflikte zu etablieren. Zudem soll den Arbeitgeber*innen gezeigt werden, dass Arbeitsrechtsverletzungen nicht weiter hingenommen werden. Daneben nehmen wir täglich an den Versammlungen der SOC-SAT mit Arbeiter*innen teil, bei denen mögliche Maßnahmen wie Streiks, Beschwerden bei der Arbeitsinspektion oder Klagen besprochen werden.

 

 

Der Fall Eurosol
In diesem Rahmen haben wir auch die Arbeiter*innen von Eurosol kennengelernt. Bereits vor zwei Wochen fanden wir uns erstmals in Begleitung der italienischen Brigade und der ARD-Journalist*inn-en vor dem Tor der Finca in der Nähe von San Isidro ein. Seitdem hat sich ein dynamischer Arbeitskampf entwickelt, bei dem sich eine Gruppe von mehr als 30 Arbeiter*innen zusammengeschlossen hat, um gegen die Arbeitsrechtsverletzungen vorzugehen. Obwohl Eurosol den tariflichen Lohn einhält, kommt es in dem Betrieb doch zu erheblichen Verletzungen des Convenio del Campo. Neben nicht bezahlten Transportkosten, betrügerischen Vertragsmodellen und absolut unzureichenden Arbeitsschutzmaßnahmen etwa beim Einsatz von Pestiziden, sind die Arbeiter*innen vor allem über die tagtäglichen Demütigungen durch die Vorarbeiter*innen und Chefs empört. So müssen die Arbeiter*innen erhebliche Wegstrecken mit dem Fahrrad zu den Sanitäranlagen zurücklegen, um aufs Klo zu gehen, wobei jeder Klogang von den Vorarbeiter*innen kritisch beäugt und vor allem im Fall von Arbeiterinnen hämisch kommentiert wird. Daneben stehen Beschimpfungen, willkürliche Rügen und unbezahlte Überstunden auf der Tagesordnung. Zusätzlich werden unliebsame oder unbequeme Arbeiter*innen im Betrieb isoliert und häufig wochenlang in abgelegeneren Teilen der Finca beschäftigt. Die Arbeiter*innen bezeichnen diese Praxis als „Strafarbeit“.
Nachdem sich die Arbeiter*innen an die Gewerkschaft gewandt haben, um gegen diese unhaltbare Situation vorzugehen, rief die Chefin des Betriebs eine interne Versammlung ein, bei der sie alle Missstände gegenüber den Arbeiter*innen leugnete. Ein Arbeiter, der im Namen der Gruppe auf dieser Versammlung sprach, wurde am nächsten Tag entlassen. Die Begründung der Geschäftsleitung: er sei auf einem schlechten Weg.
Doch die Reaktion der Arbeiter*innen ließ nicht lange auf sich warten. Am letzten Samstag wurde die Wahl eines Streikkomitees beschlossen und die Gruppe einigte sich auf ein gemeinsames und entschiedenes Vorgehen in Solidarität mit dem entlassenen Arbeiter. Die SOC-SAT steht an der Seite der Arbeiter*innen und unterstützt und berät sie bei jedem Schritt.
Eurosol ist ein international aktives Unternehmen, das nach eigener Auskunft u.a. in die Schweiz, nach Holland und Deutschland exportiert.
Wir werden an dem Fall dran bleiben und euch auf dem Laufenden halten.

Arbeitskampf bei Biosol
Daneben bahnt sich bei einem altbekannten Betrieb ein weiterer Arbeitskampf an. Schon im Jahr 2013 führte die Gewerkschaft einen transnationalen Arbeitskampf gegen das Unternehmen Biosol mit Unterstützung aus der Schweiz und Österreich. Damals organisierten sich Frauen in den Abpackhallen gegen ihre unrechtmäßige Entlassung. Diesmal sind es Arbeiter in den Gewächshäusern des Betriebs in der Nähe der Ortschaft Campo Hermoso, die gegen die unter Tarifvertrag liegende Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen aufbegehren. Auch hier deuten alle Zeichen auf einen Streik. Und natürlich werden wir auch hier versuchen den Kampf der Arbeiter zu unterstützen und durch internationalen Druck zum Gelingen des Streiks und zum Einlenken des Betriebs beizutragen.

 

La Cumbre und das Recht auf Wasser
Zudem kehrten wir auch in die Gemeinde La Cumbre in der Nähe von El Ejido zurück. Dort wohnen etwa 100 Menschen inmitten des Plastikmeers ohne Zugang zu fließenden Wasser, darunter auch viele Familien mit kleinen Kindern. Obwohl die Verwaltung von der Situation weiß, kommt sie ihrer Verpflichtung nicht nach, das Menschenrecht auf sauberes Wasser für die dort lebenden Menschen zu gewährleisten. Im Rahmen einer offenen Versammlung versuchten wir auszuloten, welche Möglichkeiten es gibt, um die Menschen in La Cumbre zu organisieren und gemeinsam mit ihnen für ihr Recht auf Wasser zu kämpfen.
Erste Maßnahmen waren ein offizielles Schreiben an die Gemeinde sowie ein Überraschungsbesuch beim nahe gelegenen Büro des multinationalen Konzerns Monsanto. Dieser ist der nächste Nachbar mit fließendem Wasser. Daher schauten wir mit der SOC-SAT mal vorbei, um vorzuschlagen die Leitung doch einfach ein bisschen zu verlängern, im Rahmen der Corporate Social Responsibility sozusagen. Wir wurden nett darauf verwiesen, dass da jetzt erstmal niemand zuständig sei und haben unsere Telefonnummer hinterlassen. Auf den Anruf warten wir noch.

 

Asamblea Territorial
Am 24. September fand in Almería die Territorialversammlung der SOC-SAT statt. Knapp hundert Arbeiter*innen, Gewerkschafter*innen und Vertreter*innen von verschiedenen linken Gruppen der Gegend trafen sich im Büro in Almería, um eine Bilanz des letzten Jahres zu ziehen, ein neues Territorialkomitee zu wählen und über die Strategie der nächsten Monate zu beraten. Neben Berichten der einzelnen Arbeitsgebiete der Gewerkschaft, intervenierten Oscar Reina, der nationale Sprecher der SOC-SAT, Vertreter*innen von Podemos, IZAR, Asolar und Interbrigadas.
Besonderer Höhepunkte der Versammlung waren die Verabschiedung des langjährigen Gewerkschaftssprechers Spitou Mendy und die Wahl von José Garcia Cueva zum neuen Sprecher der SOC-SAT in Almería.
An dieser Stelle wollen wir uns herzlich bei Spitou Mendy für die langen Jahre harter Arbeit bedanken. Wir wissen, wie schwierig es ist in dieser Region der Arbeiter*innenbewegung ein Gesicht zu geben und im Namen der migrantischen Arbeiter*innen zu sprechen. Immerzu war Spitous Arbeit von staatlicher Repression und medialen Diffamierungskampagnen begleitet. Beschimpfungen, eine ungerechtfertigte Festnahme und Anfeindungen durch öffentliche Stellen waren Konstanten der letzten Jahre. Trotz aller Widrigkeiten hat Spitou großartige Arbeit geleistet und unermüdlich für die Sache der Gewerkschaft und der Arbeiterklasse gekämpft.
Nun übernimmt der Genosse José die Arbeit als Gewerkschaftssprecher. Wir sind uns sicher, dass diese Position bei ihm in guten Händen ist und freuen uns auf alles, was kommt.

 

Llegó la hora – Die Kampagne kommt ins Rollen

Campaña Sindical: Llegó la hora

 

Nun sind auch endlich die Plakate für die Herbstkampagne der Gewerkschaft fertig. In den kommenden Tagen und Wochen werden wir den Genoss*innen in Almería fleißig dabei helfen die dreitausend Plakate an Häuserwände, Zäune und Stromkästen zu kleben.Die Lage im Plastikmeer ist gespannt und mehr und mehr Arbeiter*innen wollen für ihre Rechte kämpfen. Durch die Plakate will die Gewerkschaft auf diese Situation aufmerksam machen, Arbeiter*innen dazu motivieren sich zu organisieren und Arbeitgeber*innen in der Region klarmachen, dass immer mehr Menschen in der Gegend bereit sind sich gegen die Verhältnisse in der Landwirtschaft zu wehren. Entweder halten sich die multinationalen Firmen und Familienunternehmen an die gesetzlichen Vorschriften oder es wird vermehrt zu Streiks und Arbeitskämpfen kommen.

 

 

 

Solidarität mit Katalonien
Als Reaktion auf die repressive Antwort der spanischen Zentralregierung auf die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien fand auch in Almería eine Solidaritätskundgebung vor der Regierungsrepräsentation des Zentralstaates (Subdelegación del Gobierno) statt. Gemeinsam mit mehr als 50 Genoss*innen verschiedener linker Gruppen protestierten wir gegen die Vorgehensweise des spanischen Staates und für das Selbstbestimmungsrecht der Katalonier*innen. Doch schon kurz nach Beginn der Kundgebung löste die Polizei die Versammlung mit Verweis auf das Ley Mordaza und unter Androhung von dreistelligen Bußgeldern wieder auf. Damit wurde das 2015 beschlossene Polizeistaatsgesetz, welches mit seinen absurden Auflagen und seinem drakonischen Strafenkatalog einer Abschaffung des Rechts auf freie Versammlung gleichkommt, schon wieder benutzt um legitimen und gewaltfreien Protest zu ersticken.
Es bleibt daher dabei: Lasst sie wählen! Und weg mit dem Ley Mordaza!

 

No pasarán!
Auch in Almería haben wir mit Schrecken den Einzug der AfD in den deutschen Bundestag verfolgt. Denn auch wenn wir nicht glauben, dass das Parlament allein der zentrale Ort sozialer Auseinandersetzung ist, so erfüllt es uns doch mit Schrecken, dass Faschist*innen, Rassist*innen und Frauenfeinde im Reichstag sprechen werden und diese Bühne für ihre menschenverachtende Politik nutzen werden. Unsere Antwort darauf kann weder ein Zurückweichen vor der erstarkenden Rechten noch der Kompromiss mit der neoliberalen Mitte sein. Es gilt uns massenhaft von links und von unten gegen Ausbeutung und Rassismus und für Solidarität und Gerechtigkeit zu organisieren.

Ob in Andalusien, Katalonien, Mexiko, Palermo oder Berlin.
Siamo tutti antifascisti!

Euer Interbrigadas-Team

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