Die Brigade Berta Cáceres (Teil 3) – Demo, Wandbild, Besetzung

6. April 2017|Berichte, Brigaden

Volles Programm in allen Städten

Nachdem gerade durch den Tod Hamid M.s die letzten Tage des zweiten Brigadeberichts sehr turbulent und voll unvorhergesehener Ereignisse waren, ließ sich die Woche ab dem 21.3. wieder etwas ruhiger angehen, wenn auch nicht weniger arbeitsreich. Jeden Tag fanden in einem oder mehreren der drei Gewerkschaftsbüros Kurse für Spanisch, visuelle Kommunikation oder Arbeitsrecht mit bis zu 40 Teilnehmer*innen statt. Der Theaterkurs wurde, entsprechend der Bedürfnisse der Teilnehmer*innen und angesichts des sehr zögerlichen Fortschritts, mehr und mehr zum Sprachkurs umgestaltet. Zu den meisten dieser Angebote wurde zudem Kinderbetreuung organisiert – bei bis zu 20 aufgekratzten Kindern wohl die anstrengendste unserer Aufgaben. Neben unserem sich weiter vertiefenden Verhältnis zu den Menschen an jedem Ort waren auch die Massen an Gebäck oder die großen, mit Couscous, Fleisch und Gemüse gefüllten Tajines, die sie uns ständig mitbrachten, ein deutliches Feedback. Immer wieder wurden vormittags auch die entlassenen Arbeiter*innen von San Isidro unterstützt, die weiterhin jeden Tag mehrere Stunden vor dem Eingang zu den Gewächshäusern (mittlerweile kurz „Puerta“ genannt) verbrachten, um symbolisch ihren Protest gegen ihre unrechtmäßige Entlassung und die Vorenthaltung ihres Lohns zum Ausdruck zu bringen.
Parallel zu alldem verwirklichten wir in dieser Woche eines der größten Projekte der Brigade: Eine

Sie prägen nicht nur die Landschaft um San Isidro, sondern maßgeblich auch das Leben der Menschen hier: Die Gewächshäuser durften im Mural nicht fehlen.

über 30 m breite Wand am Fußballplatz von San Isidro wurde vollständig mit einem großen Mural zu Fußball und gegen Rassismus bedeckt. Nachdem uns kleinkarierte Nachbar*innen in El Ejido Stunk dafür gemacht hatten, dass wir die hässliche Außenwand des Büros verschönert hatten, bot dieses sehr viel größere Wandbild eine gute Kompensation. Hin und wieder unterstützt von unseren Freund*innen aus San Isidro und Kindern des Fußballvereins „Comarca de Nijar“ erweckten wir die einheitlich weiße Wand in drei Tagen zum Leben.

Zum Arbeitskampf mit Agrupaejido

Unser kleines Rechercheteam versuchte derweil die SOC-SAT insofern zu unterstützen, als es sich einige der Arbeitsverträge der 22 entlassenen Arbeiter*innen anschaute, sie dokumentierte und deren Geschichte innerhalb des Unternehmens festhielt. Dabei fiel auf, dass die Arbeiter*innen zwar schon bis zu acht Jahre in den gleichen Gewächshäusern arbeiteten, allerdings über die Jahre von unterschiedlichen Firmen angestellt wurden. Da Informationen über Juarez y Maldonado S.L., das Unternehmen, das sie letzten Endes entlassen hatte, kaum zugänglich waren, fiel unser Blick auf die vorigen Firmen und ihre Geschäftsführer. Dabei wurde klar, dass viele persönliche Verbindungen zwischen den Arbeitgebern und Agrupaejido bestehen. So tauchte beispielsweise der derzeitige Präsident von Agrupaejido, Cicilio Guillén, als Arbeitgeber in einem der älteren Arbeitsverträge auf. Das weckte umso mehr unser Interesse, als Agrupaejido eine der größten Firmen im Gemüsesektor in ganz Spanien ist. Das Unternehmen ist im Bereich der Abpackung, Vermarktung und des Weiterverkaufs tätig. Nur der Anbau wird nicht von ihm, sondern von unscheinbaren Unternehmen wie Juarez y Maldonado S.L. übernommen, gegen die aufgrund der ständig wechselnden Namen nur schwer rechtlich und politisch vorgegangen werden kann.
Mit diesen neuen Erkenntnissen beschlossen die Arbeiter*innen und die SOC-SAT, eine Kundgebung vor dem Firmensitz von Agrupaejido für Freitag, den 24.3. anzumelden, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.
Am Mittwoch davor besuchten zwei Brigadist*innen zusammen mit Mohammed, einem der 22 entlassenen Arbeiter*innen aus San Isidro, mehrere Lokale in verschiedenen kleinen Ortschaften im Plastikmeer um El Ejido. Dort warben sie für die Kundgebung am Freitag. Überall wurde den Dreien großes Interesse entgegengebracht, die größtenteils marokkanischen Arbeiter in den Teestuben fühlten sich angesprochen und konnten eigene, ähnliche Erfahrungen ergänzen. Mohammed betrachtete das Ganze dennoch sehr nüchtern: Immer wären alle sich über die Probleme einig, etwas tun würden dann aber doch die Wenigsten.

Der Firmensitz der Agrupaejido in La Mojonera. Und davor die Menschen, denen sie kurzerhand ihre ohnehin karge Lebensgrundlage entzogen hat.

Zur Kundgebung am Freitag kamen dann schließlich immerhin ca. 50 Menschen, mitten ins Gewerbegebiet von La Mojonera vor den protzigen Firmensitz von Agrupaejido. Neben den betroffenen Arbeiter*innen und der Brigade waren Vertreter*innen der SOC-SAT und von Podemos anwesend sowie einige Leute aus El Ejido, vor allem Frauen der „Area de la Mujer“. Zwei Stunden lang zog die Kundgebung lautstark den Unmut der Firmenleitung auf sich, von der sich immer wieder Einzelne hinter der verspiegelten Glasfassade versammelten und argwöhnisch auf die Schar herabblickten.

(Offizieller) Abschied der Brigade

Zu Beginn der nächsten Woche wurde es dann schon Zeit für die Abschiedsveranstaltungen, denn das offizielle Ende der Brigade stand unmittelbar bevor. Am Montag, dem 27.3. luden wir beim morgendlichen Besuch der „Puerta“ für abends ins Gewerkschaftsbüro in San Isidro ein – mit dem ausdrücklichen Verweis, diesmal kein Essen mitzubringen! So konnten wir uns endlich mit einem eigenen großen Buffet revanchieren und zeigten zum Schluss eine Bilderpräsentation des vergangenen Monats, in dem gerade in San Isidro ein Ereignis das andere gejagt hatte. Der Abschied dann wurde sehr emotional, alle Seiten spürten, wie nah uns diese turbulente Zeit einander gebracht hatte.

Erst lachend, dann doch mit feuchten Augen – der Abschied ist sehr herzlich.

Am nächsten Tag in El Ejido wurden Theater- und Arbeitsrechtskurs abgewandelt, um ebenfalls eine Abschiedsveranstaltung durchzuführen, an deren Ende sich lange beieinander bedankt und alles Gute für die Zukunft gewünscht wurde – wenigstens bis zur nächsten Brigade. Schon ziemlich erschöpft gönnten wir uns direkt im Anschluss noch eine Versammlung mit den Gewerkschafter*innen, um die Brigade auszuwerten und uns dann auch von ihnen zu verabschieden.

Besetzung der Finca „Cerro Libertad“

Nach dem offiziellen Ende unserer Brigade am 30. März beschlossen fünf Teilnehmer*innen, in Andalusien zu bleiben, um die Besetzung der Finca Adarves Altos bei Jaén zu begleiten. Über 100 Tagelöhner*innen und Gewerkschafter*innen der SOC-SAT verschafften sich am Vormittag des 1. April Zugang zu dem etwa 75 Hektar großen Anwesen. Die Bank BBVA hatte die Finca vor fünf Jahren übernommen. Während sich das Grundstück in ein Spekulationsobjekt verwandelte, fiel das Land brach und die etwa 6500 Olivenbäume verwilderten. In der Provinz Jaén, die von Tagelöhnertum während der Olivenernte und sonst grassierender Arbeitslosigkeit geprägt ist, scheint dieser Umstand umso grotesker. Die Besetzer*innen machten sich sogleich an die Arbeit, die Spuren der Vernachlässigung zu beseitigen und die Finca wiederherzurichten.

Auf der Finca wird sofort von allen Hand angelegt, um die zugewucherten Flächen vor dem Haus wieder nutzbar zu machen.

Gleichzeitig hatten sich weitere 100 Gewerkschafter*innen in der nahegelegenen Provinzhauptstadt zu einer Kundgebung versammelt, um die Sicherheitskräfte von einer Räumung abzulenken. Lediglich eine Streife wagte sich auf die Finca, wo sie jedoch nicht eingriff und sich nach kurzer Zeit, von Sprechchören der Besetzer*innen begleitet, zurückzog.
Das Datum der Besetzung fällt auf den ersten Jahrestag der Inhaftierung von Andrés Bódalo, eines lokalen Gewerkschaftsaktivisten, der im Vorjahr unter fadenscheinigen Anschuldigungen festgenommen wurde. Die Gewerkschaft fordert seine sofortige Freilassung. In diesem Zusammenhang wurde die Finca kurzerhand in „Cerro Libertad“ – Berg der Freiheit – umbenannt.
Es ist vorgesehen, die Finca langfristig kollektiv und solidarisch zu bewirtschaften, um arbeitslosen Tagelöhner*innen der Region eine würdige Existenzgrundlage zu bieten.

Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt

Von Jaén aus kehrten wir noch einmal nach San Isidro zurück. Am Sonntag, dem 2. April wurde zu einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt anlässlich des Todes von Hamid M. aufgerufen. Zwar lag der konkrete Anlass schon mehr als zwei Wochen zurück, jedoch war es aufgrund des repressiven spanischen Versammlungsrechts nicht möglich, eine zeitnähere Demonstrationsgenehmigung zu erhalten. Unsere Befürchtung, dass die mittlerweile verstrichene Zeit seit dem ersten Aufschrei die Leute wieder in die sonst alltägliche Resignation und Lethargie zurückversetzt hätte, schien sich anfangs zu bestätigen: Kaum mehr als zwanzig Personen fanden sich zum Auftakt der Demonstration ein. Jedoch taten die Teilnehmer*innen, wenn auch gering an der Zahl, ihre Überzeugung umso lautstärker kund. So geschah hier tatsächlich das, was in Deutschland nur eine plakative Parole ist: Die Leute ließen das Glotzen sein und reihten sich in die Demo ein! Der Demonstrationszug wuchs innerhalb kurzer Zeit auf über 300 Menschen an

Im zum Abschluss der Demo verlesenen „Manifest“ wird auch der gemeinsame Kampf gegen die Unterdrückung der Frau eingefordert, gleichwohl aber auch die rassistische Instrumentalisierung derselben angeprangert.

(in einem Ort von knapp 6000 Einwohnern) und verbreitete die Losung „Wir fordern Gerechtigkeit“ aus voller Kehle. Während der Abschlusskundgebung vor dem Haus des Verstorbenen brachten einige Teilnehmer*innen in spontanen Redebeiträgen ihren Unmut zum Ausdruck. Dabei machten sie deutlich, dass es ihnen nicht nur um den Einzelfall geht, sondern um das Strukturelle: Alltäglicher Rassismus auf allen Ebenen – Demütigung durch die Polizei, Vernachlässigung im Krankenhaus, Entmenschlichung auf der Arbeit. Auch die Erkenntnis, dass dieser Kampf nur gemeinsam und solidarisch geführt werden kann, wurde von unterschiedlichster Seite betont.

(Endgültiger) Abschied der Brigade

Mit diesen kraftvollen Eindrücken verabschiedete sich die Brigade Berta Cáceres nun endgültig auch aus San Isidro, von den kämpfenden Arbeiter*innen und all denen, die sich hier tagtäglich gegen ihre Ausbeutung und ihre rassistische Unterdrückung zur Wehr setzen müssen. Für uns hört die praktische Solidarität damit aber keineswegs auf: Bereits während der Brigade haben wir auf Wunsch unserer Freund*innen aus San Isidro begonnen, durch die Veröffentlichung von Artikeln und Interviews in deutschen Zeitungen (Junge Welt vom 28. und 30.3.) eine breitere Öffentlichkeit für ihren exemplarischen Fall zu schaffen. Diese Arbeit werden wir in den nächsten Wochen in verschiedenen anderen Zeitungen fortsetzen. Auch für uns stellte das eine gute Möglichkeit dar, unsere bisherigen Erkenntnisse über die wirtschaftliche, politische und rechtliche Situation zu strukturieren, um in Zukunft noch besser auf sie zurückgreifen zu können.
Wir bleiben eng verbunden mit den Menschen, die wir hier in Almería so gut kennen- und zu schätzen gelernt haben, und freuen uns, nach der Auswertung dieser Brigade schon mit den Planungen der nächsten beginnen zu können!

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